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Reality-Show: parlez-moi d‘amour

  • Autorenbild: Saskia Lackner
    Saskia Lackner
  • 4. Dez. 2022
  • 5 Min. Lesezeit

Source: @Pixabay

Der „Bachelor“ ist seit 12 Jahren in der deutschen TV-Landschaft wie es scheint mit doch recht guten Quoten vertreten und hat sich so als feste Größe im Reality-TV etabliert. Aber warum ist eine solche Show im 21. Jahrhundert überhaupt (noch) so erfolgreich und lässt sie sich überhaupt unter „Reality“-TV kategorisieren? Denn genau genommen spielt die Show ja mit der Realität, geht darüber hinaus, um den Zuschauer*innen Eskapismus und Entertainment zugleich zu ermöglichen. Vielleicht auch Identifikationspotential als modernes „TV-Märchen“?


Zunächst einmal eine Erklärung, was denn die Sendung überhaupt ist: kategorisiert wird sie als „Datingshow“. Ein erlesener Junggeselle (eben der „Bachelor“) soll unter anfangs 20-25 vom Sender ausgewählten Damen, die er in Gruppen- und Einzeldates näher kennenlernt, schließlich eine auserwählen und als „Gewinnerin“ küren. Dies tut er durch Eliminationsrunden, wobei das Markenzeichen die „Nacht der Rosen“ am Ende jeder einzelnen Sendung darstellt, in der nur die weitergewählten Kandidatinnen eine Rose erhalten und wie es sich für ein Ritual gehört, per „speech act“ gefragt werden, ob sie diese auch annehmen wollen. Lehnt eine Teilnehmerin die Rose ab, entscheidet sie damit, nicht mehr in der nächsten Sendung teilnehmen zu wollen.

Das Spiel mit der Realität fängt schon durch die ausgesuchte Umgebung statt: meist handelt es sich um exotische Orte, beispielsweise in Mexiko in einer Luxusvilla, natürlich in Strandnähe. Der Junggeselle wird nicht nur vom Sender und dessen Budget und Vorstellungen eingekleidet, wie die Kandidatinnen natürlich auch, obwohl sich diese teilweise wie in einer Jugendherberge das Zimmer teilen müssen, nein, der Sender erweckt auch den Eindruck, dass er, der Junggeselle, sich ganz tolle, aufregende „Dates“ überlegt (vom notgedrungenen Bungeesprung, Helikopterflug, der romantischen Nachtwanderung bis zum Essen gehen ist natürlich alles dabei, was eben für ein Sendetermin „Spaß“ und „Action“ oder „Romantik“ verspricht). Diese organisierten Dates würden wahrscheinlich keine der Kandidatinnen so in der Form sonst erleben, denn welcher Junggeselle hat ein Redaktionsteam zur Hand, um seine Dates zu planen und vor allem: das Budget?

So soll wohl an Jane Austen’s “Stolz und Vorurteil” erinnert werden, wo es ja auch heißt: “It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.”


Denn dies alles soll den Eindruck unterstützen, dass der „Bachelor“ eben ein ganz toller Fang sei, quasi der Prinz aus dem Aschenputtel-Märchen. Und genau damit spielt die Sendung eben auch: dem Prinzip, wie Aschenputtel auf dem Ball unter der Menge der sich anbiedernden Kandidatinnen auserwählt zu werden. Hier ist das ultimative Identifikationspotential für die Fernsehzuschauer*innen zu entdecken, denn wer möchte nicht vom Prinzen, vom begehrtesten Junggesellen überhaupt ausgewählt werden, als Schönste unter allen? Dies enthebt einen ja von allen anderen und während Aschenputtel vielleicht noch bescheiden war, tja weil eben ein Märchen, sind die Stiefschwestern eben alle anderen Frauen, die sich zwar keine Zehen abhacken, um dem Prinzen zu gefallen und in den Schuh zu passen, dies aber verbal tun sollen. Denn die Sendung lebt auch davon, dass es mindestens eine Zicke geben muss und Lästereien aktiv gefördert werden. Was sollen die Frauen im Rapunzelturm oder der Luxusvilla denn nun einmal tun, wenn die Zeit mit Sonnenbaden, darauf warten, dass der „Bachelor“ sie auf ein Date einlädt und dem gesponserten Alkohol nun einmal langsam vergeht? Drama und Selbstdarstellung können da schon Abhilfe schaffen, auch dem Sender, denn dies bringt Quote.


Zum Aschenputtel-Mythos gehört auch, dass der Prinz eigentlich nicht viel Zeit hat, sie zu „erkennen“ als die schöne und gute Person, die sie „wirklich“ ist. Er tut es ja am verlorenen Schuh und irrt sich ja teils gewaltig bis dieser passt. Auch hier lassen sich Vergleiche ziehen: die Gruppen-, aber auch Einzeldates sind ja zeitlich sehr limitiert und es bleibt wenig Zeit, die „Richtige“ zu erkennen. Das „Erkennen“ steht schon in der Bibel (hier “erkennen sich Mann und Frau und werden ein Fleisch“) und kann auf mehreren Ebenen gedeutet werden, seelisch, emotional und körperlich. Das geht beim „Bachelor“ über das Knutschen (oder sog. „Übernachtungsdates“), was dann auch immer für Drama sorgt: wen küsst er? Wen zuerst? Wie viele küsst er? Welche Bedeutung hat das? Ist dort mehr Intimität da als bei den Nicht-Geküssten?

Und auch die Gesprächskultur beim „Bachelor“, unter Anwesenheit von Konkurrentinnen und einem ganzen Fernseh- und Redaktionsteam, verspricht da selbstverständlich Aufkommen wahrer Intimität und Authentizität. Gerade wenn Geständnisse fallen wie „ich wurde in meiner letzten Beziehung betrogen, daher ist mir Treue wichtig“ den Zuschauer*innen und dem Gegenüber wirklich etwas über die Person verraten, die dort gedated wird. Genauso wie über die nicht selbst ausgedachten bzw. geplanten Dates des „Bachelors“, bei denen die Kandidatinnen dann Rückschlüsse auf seinen Charakter ziehen oder ihm zuschreiben, dass „er sich echt Gedanken gemacht hat“.


Es lässt sich kaum vermeiden bei einer Betrachtung in eine Parallelwelt einer „parasozialen Interaktion“ mit den Kandidat*innen einzutauchen: und auch die Zuschauer*innen haben offenbar das Bedürfnis nach einer „downward comparison“, einem sozialpsychologischem Vergleich „nach unten“, um mit einem besseren Selbst(wert)gefühl auszusteigen, so in die Richtung, das eigene Leben ist doch ganz in Ordnung; reihenweise Kolumnen oder Tweets befassen sich eigentlich eher abschätzig mit dem Verhalten des jeweiligen „Bachelors“ und dem der Kandidatinnen, nehmen alle und alles auf den Arm. Und so verwundert es nicht, dass es auch zahlreiche Parodien auf dem Markt gibt. Und dennoch scheint es eine Art Faszination mit der Sendung zu geben oder vielleicht eben gerade deswegen, weil sich Zuschauer*innen dann sagen können „SO würde ich mich nie verhalten“ und den Eindruck haben, das Ganze vielmehr zu durchschauen, sehen sie es ja auch durch die Brille eines/r Regisseurs/in. Ähnlich wie bei den Sofa-Fußball-Profis, die während sie Bier trinken einzelne Spielende anbrüllen, weil sie durchschaut haben, welche Taktik zum Fußball-Sieg führen würde oder Sofa-Millionär*innen, die bei der Quiz-Show die besseren Antworten hätten (eben vom Sofa aus) und nicht zu vergessen den zahlreichen Politik-/Virus-Expert*innen, die die Lage ja viel besser einzuschätzen wissen, geht es dann den Zuschauenden hier: auch sie wissen, wer das Gewinnen am ehesten „verdient“ hätte. Was gibt es eigentlich zu „gewinnen“? Das Herz des „Bachelors“? Fame? Einfach Aufmerksamkeit und Sendezeit? (Mehr) Follower?


2019 erschien ein Artikel im Stern, in der der Autor Tim Sohr die Sendung auf 126 Sätze (oder Plattitüden) herunterbrach, die egal welcher „Bachelor“ immer wieder zu verwenden scheint. Handelt es sich hier um ein Lego-Baukastensystem der Sprache? Denn verbal fällt überhaupt auf, dass sich viele Teilnehmende eher wenig mit den Finessen der deutschen Sprache im Allgemeinen und Besonderen beschäftigt haben, auch weil es sich oft um ganz „normale“ Menschen handelt. Kandidatinnen, die normale Jobs haben, von der Kellnerin bis zur Immobilienkauffrau, manches Mal tummelt sich die ein oder andere „Studentin“ darunter. Andererseits sind es TV-taugliche Teilnehmende, die sich augenscheinlich den ganzen Tag im Bikini zeigen können (und wollen) und aktuellen Schönheitsvorgaben entsprechen. Dies lässt dann die rosarote Wolke der Vorstellung entstehen, dass Zuschauer*innen, wären sie nur so schön und schlank wie die Kandidat*innen selbst, sich so einen tollen Hecht auch angeln könnten, falls gerade in Mexiko unterwegs. Natürlich ohne aufregende Dates entweder mit 6 anderen Frauen oder wo sie irgendwo hinunterspringen müssen. Und die Männer? Können sich vielleicht ähnlich wie bei James Bond wünschen an dessen Stelle zu stehen. Inklusive Action. Und Smoking. Ach ja, und den Drinks.

Der „Bachelor“ hat wohl eher nicht den Anspruch, die Realität abzubilden, sondern erhebt normale Frauen und einen eigentlich normalen Mann, meist von eher durchschnittlicher Intelligenz, aber vom Sender attestiertem guten Aussehen in eine Art TV-Olymp der vermeintlich Reichen und Schönen. Und das scheint der wahre Traum zu sein.


Katharsis, also die Reinigung durch das Zusehen, entsteht in einem aufklärerischen Sinn eher weniger, wird sie so verstanden, dass sie auf eine moralische Verbesserung abgezielt. Und das, obwohl das Zuschauen vom „Bachelor“ durchaus „Jammer“ (eleos) und „Schauer“ (phobos) hervorrufen kann, wie es Aristoteles in seiner Poetik auch erwähnt.

 
 
 

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